Wie die Muräne und ich uns kennenlernten… Muräne-Stories No.1

Es kann schon in meiner Kindheit passiert sein, aber mit 18 Jahren war in meinem Kopf Stromausfall, ich war blind. Zwar nur kurz, aber ich habe mich doch sehr erschrocken. Ich war damals noch Schülerin (Abi-Stress usw.) und meine Hausärztin überwies mich ins Krankenhaus. Dann wurde die Diagnose Migräne mit Aura gestellt. Folglich hatte ich einmal im Monat seltsame „Ausfälle“ von Sehstörungen, das Gefühl mein Arm sei drei Meter lang und Kribbeln in den Armen sowie im Gesicht, die Muräne war da. Gefolgt von starken Kopfschmerzen war ich dann ohne Grund drei tagelang ausgeknockt. An „normale“ Kopfschmerzen war ich als Kind eigentlich schon gewohnt, sowie andere Schmerzen wie im Rücken… aber Migräne-Kopfschmerzen sind da nochmal etwas anderes.

Wie sich herausstellte hatte meine Mutter schon eine Migräne-Muräne mit Aura (und das bereits, seit sie neun Jahre alt ist) und meine Oma ebenfalls. Die Ursache ist also klar: genetisch. Na danke, dachte ich mir damals. Das Logo dieses Blogs soll übrigens mein Spiegelbild darstellen. Meine Muräne wohnt in der rechten Gesichtshälfte und kriecht von oben nach unten durchs Gesicht.

Auch wenn ich fast 50% der Abi-Zeit im Bett verbrachte und die meisten Klausuren mit Migräne (und dieser fiesen Übelkeit) schreiben musste, habe ich das Abitur geschafft – yay! Ich hab mich dann mit der Muräne direkt ins nächstgreifbare Studium eingeschrieben und bin nach drei Semester Kampf gegen die Migräne ohne Abschluss gegangen. Die meisten Dozenten hatten für meine Situation leider kein Verständnis.

Dann habe ich guter Hoffnung die Hochschule gewechselt und bin an einer kleineren Einrichtung hängen geblieben. Mit vollem Eifer habe ich mich hochgradig in die Hochschulpolitik geworfen und habe mich bis zu Vorstandspositionen hochgearbeitet. Stillsitzen, Ruhe und so, das konnte ich einfach nicht. Mich treibt schon immer eins an: für andere einstehen. Und auch wenn ich so manchen Dozenten die Stirn geboten habe, Kommilitonen helfen konnte, glücklich hat mich diese Zeit nicht gemacht. Sondern eher: kaputt. Ich war Ende letzten Jahres, nach zwei Jahren 120%-Einsatz für alle anderen einfach nur noch erschöpft. Nebenbei hat mich mein Ehrgeiz, gute Noten zu schreiben auch fertig gemacht. Davon kann ich mich mittlerweile gut distanzieren und habe niedrigere Ansprüche.

Zudem muss ich am Rand erwähnen, dass ich nach dem ersten Semester nach der letzten Klausur in der Notaufnahme landete, weil ich jede Klausur (gab keinen zweiten Prüfungstermin) krank schreiben musste und letztendlich mit einer Grippe und 40 Grad Fieber zusammengebrochen bin. Ich war im Anschluss drei Monate mit Grippe und einer Rippenfellentzündung krank. Eigentlich hätte ich schon daraus lernen müssen.

Das letzte Semester war dann dank Pandemie und Online-Zeit echt kompliziert und stressig. Meine Hochschule fand den digitalen Anschluss einfach nicht. Und Oh Wunder, die Migräneattacken nahmen zu. Nachdem ich in diesem Jahr bei 17 unterschiedlichen Fachärzten, im Krankenhaus und auch in der Schmerzklinik Kiel war, kann ich sagen: die meisten meiner Erkrankungen basieren auf der (mittlerweile) chronischen Migräne mit Aura.  Ich war schon als Kind ständig krank und habe so unendlich viele Wartezimmer und Krankenhäuser von innen gesehen, aber dieses Jahr toppt einfach alles.

Ich habe das Semester trotzdem durchgezogen und saß im Juni 2020 noch in einer Klausur: mit Migräne. Und wisst ihr, was so bescheuert ist? Ich war da, obwohl ich starke Schmerzen und Sehstörungen hatte und ich habe die ersten 60 Minuten alles runtergeschrieben was ich wusste, um dann die restlichen 60 Minuten wie betrunken (ich trinke nicht) zu hängen. Ich hätte auch rausgehen dürfen, aber ich konnte nicht aufstehen. Ich habe meine Beine nicht mehr gespürt. Ich habe nur gedacht: Bestimmt durchgefallen. Aber nein, ich hab´ die Prüfung tatsächlich bestanden: mit 1,0. Und auch jetzt weiß ich nicht, ob ich mich darüber freuen soll.

Nach den Prüfungen beantragte ich einen Nachteilsausgleich, da ich merkte: so geht’s nicht weiter. Ich war bereit Hilfe anzunehmen, aber zu meiner Enttäuschung musste ich erleben, wie mir niemand glaubte, dass ich krank bin. Der Grund: Ich war zu gut. Ich wollte auch gar keine Notenverbesserung, sondern die Chance an einem anderen Termin zur Klausur zu erscheinen. Ich wollte nie mehr, mit Migräne Klausuren schreiben. Der Konflikt zwischen mir und der Prüfungskommission geht soweit, dass ich jetzt wieder die Hochschule wechseln muss. Ich werde nämlich ständig schikaniert. Ich habe mir nur eine Frage gestellt: Hätte man mir geglaubt, wenn ich im Rollstuhl sitzen würde?

In den Semesterferien habe ich mir Zeit für mich genommen und bin auch kurz verreist. Im Urlaub bzw. im ganzen Sommer wurde mein Zustand nochmals schlechter. Neue Symptome sind aufgetreten. Dauerübelkeit, taube Füße, nicht spürbare Hände, unerträgliche Schmerzen im Gesicht und im Kiefer. Pfeifen auf den Ohren und auch mal einen Tag gar nichts hören können. Manchmal konnte ich nicht aufstehen, manchmal nichts sehen, manchmal hatte ich so starke Schwindelattacken, dass ich fast umgefallen wäre. Manchmal konnte ich keine Wörter finden und habe einfache Fragen nicht beantworten können, manchmal sind mir Rechtschreibfehler unterlaufen, obwohl ich mich grammatikalisch sehr gut ausdrücken kann und darin sicher fühle. Ich dachte nur: Meine Sinne fallen aus. Ich wusste gar nicht mehr, wie ich weiterleben sollte.

Seit dem letzten Jahr habe ich jeden Tag Kopfschmerzen. Einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MÜK) hatte ich Anfang des Jahres. Mittlerweile habe ich jeden Tag migräneartige Kopfschmerzen und Sehstörungen sowie andere Schmerzen (Gesicht, Kiefer, Zähne, Rücken, Knie). Bei mir wurde zusätzlich eine Fibromyalgie und ein chronisches Schmerzsyndrom festgestellt. Es gibt kaum ein Körperteil das bei mir nicht durchgecheckt (MRT, Röntgen, Magenspiegelung etc.) wurde. Immer wenn ich zum Arzt gehe, gehe ich mit min. zwei Überweisungen wieder nach Hause. Ich finde schon, dass es jetzt reicht. Wenn der Kopf mal nicht dröhnt, dann kribbelt irgendetwas anderes. Ich finde es schon schwierig, das im Alltag „zu ignorieren“.

Ich war also auch in der Schmerzklinik Kiel, bekomme prophylaktische Medikamente und versuche mein Leben zu ändern. Die Muräne lässt sich wohl nicht mehr verjagen und ich muss lernen, dass ich nun ein „Haustier“ habe, das sich hoffentlich benimmt, wenn ich mich gut um mich selbst kümmere.

Falls jetzt die Frage aufkommt, wieso ich nicht aufgebe, wenn ich jeden Tag so sehr „leide“. Ich kann nicht aufgeben, weil ich das noch nie konnte. Meine Geburt war schon sehr kritisch, da habe ich mich wohl ins Leben gekämpft. Und das Leben kann ich mit Anfang 20 nicht einfach aufgeben. Natürlich habe ich Angst davor, dass sich alles nochmal verschlechtert und ich beruflich später nicht Fuß fassen kann. Aber ich habe auch Hoffnung, und kann meinen starken Ehrgeiz und meine Energie jetzt endlich in eine Person investieren, in die ich das schon von Anfang an hätte tun sollen: in mich selbst.

3 Kommentare zu „Wie die Muräne und ich uns kennenlernten… Muräne-Stories No.1

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: