„Schon Einkaufen überfordert mich“ – mit Migräne im Supermarkt – Migräne-Stories No. 5

Schon seit Wochen geht mein Freund alleine einkaufen. Und das nicht nur wegen der Corona-Krise und dem Stress im Kampf um einen bzw. zwei Einkaufswagen. Mein Freund möchte immer Freitagsmorgens um 7 Uhr einkaufen gehen und mein Schlafrhythmus inkl. Schlafstörungen war in letzter Zeit so durcheinander, dass ich die Uhrzeit einfach nicht geschafft habe. Ab 8 wird’s allerdings unerträglich voll im Laden. Um meinen Freund nicht vollständig hängen zu lassen, habe ich mich manchmal mit hin gequält.

Wie es ist mit Migräne einkaufen zu gehen, kann man sich so vorstellen. Das Migräne-Gehirn verarbeitet Reize ganz anders. Und bei mir wurde eine extremere Reiz-Überempfindlichkeit (höher als ohnehin schon bei Migräne-Gehirnen) festgestellt. Schon Einkaufen überfordert mich.

Die Reihe von Einkaufswagen auf dem Parkplatz will und kann ich mir gar nicht genau anschauen. Denn um in den Supermarkt zu kommen, muss ich meine Brille ab und meine Maske aufsetzen. Sonst sehe ich auch trotz Brille nichts. Jeder Einkaufswagen hat ein schönes Gittermuster, das in mir schon Übelkeit auslöst. Ich reagiere empfindlich auf Muster und grelle Farben. Super, ein Supermarkt mit auffälligen Werbeflächen und starken Mustern. Auch wenn die Damen und Herren für die Gittermuster, die ich in Oberflächen, Materialien und sogar schon auf dem Parkplatz sehe nichts können. Die einzigen mitgebrachten Muster, sind unsere Gemüse/Obstnetze, die wir für eine sinnvolle Investition halten. Ohne Brille bin ich zwar nicht blind, aber da ich kurzsichtig bin, verschwimmt das meiste ab 2 Metern Entfernung bis in eine Suppe. Da muss ich jetzt wohl durch. Manchmal geht es aber nicht anders und ich trag zumindest die Sonnenbrille. Auch wenn diese auch die ganze Zeit von meinem Atem beschlägt.

Nicht nur die Tatsache, dass die Kombination Sonnenbrille und Mundmaske die Sicht behindert, man sieht außerdem aus wie ein Einbrecher.

 So hake ich mich also sehgeschwächt bei meinem Freund unter, bis wir die Einkaufswagen erreichen. Mit einem Klack löse ich den Wagen von den anderen, nicke dem riesigen Security-Mann am Eingang zu und bekomme gleich den Hitzschlag der warmen stickigen Luft ins Gesicht. Noch einmal checke ich gedanklich, ob ich mein Asthmaspray in der Tasche habe, und die Fahrt geht weiter in die Gemüseabteilung.

Die Muster im Supermarkt, die ich auf Verpackungen, Schildern sehe, ja sogar die Fliesen auf dem Boden irritieren mich dezent, drehen mir den Magen um. Langsam füllt sich das Geschäft und meine Vorstellung von einem „Wir-kaufen-nur-das-Nötigste“ und „sind-gleich-wieder-weg“ Einkauf verfliegt. Langsam beginne ich zu schwitzen. Der Abstand in der Gemüseabteilung ist kaum einzuhalten, so eng stehen die Regale und Menschen zu einander. Hilfe. Während ich zu den Teigwaren vorrücke, überfahre ich fast eine querende Oma – sorry. Rechts vor links, muss ich nochmal üben und auch an das Tempo kann ich mich in so panischen Situationen kaum halten. Mein Freund ist dagegen völlig gelassen, pfeift vor sich hin und hakt auf unserer Einkaufsliste alles entspannt ab. Auch die Menschen in meiner Umgebung kann ich wahrnehmen, weil ich eine sehr feine Nase habe. So erschnüffel ich unfreiwillig das Parfüm von einem Mitarbeiter des Supermarktes, der mit seinem Gabelstapler an mir vorbeifährt.

Ich fühle mich dagegen (ohne Sonnenbrille) langsam von den flackernden Neonröhren an der Decke und in der Fleischtheke irritiert. Blöderweise löst totes Tier in der Fleischtheke dann manchmal noch Übelkeit aus, oder verstärkt diese durch Gerüche oder Mustern von vorher. Die Neonröhren und Kühlschränke kann ich dann auch noch Summen hören. Diese Geräusche mischen sich unter schreiende Babys, rennende Kinder, schwer-atmende Opas, laut quatschender Menschen und andere Geräusche, die von allen Seiten auf mich einströmen. Weiter geht’s also in die Kühlung, dann zu den Drogerieprodukten und zum Klopapier, dass mal wieder leer ist.

Während ich mich einerseits über die Aussicht des baldigen Endes des Einkaufs entgegensehne, erschrecke ich mich andererseits wieder über das schnelle Piep – piep -piep, dass von den Kassen herüberschallt. Leider halten sich nicht alle Menschen an die Abstandsmarkierungen, so habe ich beim Auspacken auf das Fließband plötzlich einen Einkaufswagen in den Hacken. Danke.

Die Kassiererin im geringelten Tshirt zieht alles zack-zack über den Scanner, so schnell, dass wir mit dem Einpacken kaum hinterherkommen. Mein Freund bezahlt am Ende immer, da ich dafür keine Geduld mehr habe. Dann geht’s wieder vorbei an dem Security-Mann, mein Wagen ist leer, den bringe ich schon mal weg und einige Minuten später, fahren wir wieder vom Parkplatz.

Zuhause müssen wir dann noch – parkend in einer Seitenstraße – zwei volle Kisten Einkauf in den zweiten Stock schleppen, womit ich auf der Treppe immer wieder absetzen muss. Nach dem Einkauf brauche ich dann mindestens eine Stunde Pause um das Ereignis zu verarbeiten.

Wie ist das bei euch? Dröhnen die Reize im Supermarkt auch so auf euch ein?

Viele Grüße,

Anna

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