Meine Erkenntnisse aus 2020 – ein persönlicher Rückblick

Ich gebe zu 2020 war echt chaotisch, alleine wegen der Pandemie. Auch privat stand meine Welt oft Kopf. Plötzlich online studieren, den Freundeskreis aufräumen und sich mit chronischer Migräne auseinandersetzen. Alles Dinge die mir am Anfang echt schwer gefallen sind. Dann habe ich auch noch diese Blog gegründet und mir Instagram zugelegt. Puhhhh. Trotzdem hat mir 2020 viel zu denken gegeben und es war rückblickend ziemlich wertvoll. Ich habe neue Freunde gefunden, Kontakte zu Migräne-Betroffenen geknüpft und viel über mich selbst gelernt.

  1. Man kann sich nicht jahrelang auf der Flucht vor der eigenen chronischen Erkrankung befinden und sich dann wundern, dass sie lange Zeit sehr intensiv das Leben bestimmt. oder kurz: Man kann Migräne nicht wegzaubern.

Ich musste leider lernen, dass ich damit nun klar kommen muss. Dass ich mein Leben daran anpasse und nicht mehr machen kann was ich will und so tun und leben kann, als würde ich diese Krankheit nicht haben. Auch wenn die Muräne schon vor ein paar Jahren bei mir eingezogen ist und erst jetzt ein Klingelschild angebracht hat, sowie sich häuslich komplett eingerichtet hat. So war sie in meinem Leben vor 2020 nur ein stiller Untermieter, der selten das Zimmer verlässt. Wie die Badezimmer-Spinne Norbert in meiner ersten Wohnung.

Für mich ist die Migräne mittlerweile teil meines Alltags-denken geworden. Und das nicht unbedingt im negativen Sinne. Ich weiß einfach, dass ich das schaffen werde, auch wenn es manchmal schwer wird, wenn die Muräne Heavy-Metal-Musik hört und dazu tanzt…

2. Es ist wichtig, dass man ein Zuhause findet in dem man sich sehr wohl fühlt und in dem man auch seinen eigenen Rückzugsort hat.

Erst in der Schmerzklinik Kiel ist mir aufgefallen, dass ich meinem Leben so einiges falsch läuft. Dass ich mich in unserer 60-qm-Wohnung doch gar nicht so wohl fühle und seit der Pandemie im Home-Office mir immer einen Rückzugsort gewünscht habe. Denn der Arbeitsplatz war im Wohnzimmer und im Schlafzimmer der Arbeitsplatz von meinem Freund. Wenn ich starke Schmerzen hatte, konnte ich mich nur aufs Sofa legen mit schönem Ausblick auf die Berge an Arbeit, die ich dann nicht bearbeiten konnte… Deswegen fassten wir den Entschluss umzuziehen in eine Wohnung, wo die Arbeitsplätze eigene Räume haben und in dem Schlafzimmer nur noch Bett und Kleiderschrank stehen. Wo wir hinziehen, war damals noch nicht so klar.

3. Beginne nie ein Studium, wo Du von Anfang an das schlechte Gefühl hast, dass Du es nicht beenden kannst.

Ebenfalls merkte ich in der Schmerzklinik wie unglücklich ich mit meinem Studium bin. Schon bei Beginn vor sechs Semestern, war ich mir nicht so sicher, ob ich mich dafür eigne. Auch wenn ich bis zu letzt einen Einserschnitt hatte, hatte ich unliebsame Module immer geschoben. Und seit die Migräne chronisch ist, wurde mir klar, dass ich manche Dinge nicht von Stufe 0 aus nochmal neu lernen kann, dass mir die Energie dafür fehlt. Vor allem hatte ich keine Energie mehr für den Krieg, den die Prüfungskommission gegen mich führt und persönlich sehr ausfallend wurde. Ich habe bis heute nicht verarbeitet, dass mich ein Professor am Telefon anschrieh, ich sei ja selbst schuld an meiner Krankheit… Schon in der Schmerzklinik entschied ich mein Studium abzubrechen und orientierte mich um. Und ich informierte mich intensiver zum Thema Studieren und Migräne.

4. Mache auch mal einen Tag gar nichts oder nur Dinge, die dir guttun. Und dass ohne schlechtes Gewissen.

Ganz wichtig und vor allem neu war für mich in diesem Jahr ein Wort: Pause. Nachdem ich zwei Jahre fast ein Workaholic wurde, war langsam gehen, stehenbleiben, atmen und Essen in der Küche für mich neu. Aber Gott sei dank bin ich ja noch lernfähig!

5. Es ist gar nicht so schlimm, wenn die Haare mal etwas kürzer geschnitten werden.

Früher hatte ich immer extrem Angst, dass der Friseur meine Haare zu kurz schneiden würde. Ich hatte auch ein paar Mal echt Pech. Aber in diesem Jahr habe ich mich getraut und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

6. Zwei Wochen Urlaub am Stück sind zu lang, wenn man den Ort und das Essen schon kennt.

Wir waren in diesem Jahr im Juli, zwei Wochen gut isoliert in einem Ferienhaus in den Niederlanden. Essen haben wir bestellt und jegliche Menschen gemieden. Das Haus war in einem grausamen Zustand und da wir zum dritten Mal in diesem Ort waren und uns nicht getraut haben, groß in andere Orte oder gar nach Belgien zu fahren, war uns nach wenigen Tagen super langweilig. Zu dem ging es mir die ganze Zeit auch sehr schlecht. Ich hatte jeden Tag Migräne und fühlte mich schlecht.

7. Wenn Dir bestimmte Menschen nur Energie abverlangen, Du aber nicht Energie bekommst, dann lass sie weiterziehen.

Ich habe in diesem Jahr gelernt, „Nein“ zu falschen Freunden zu sagen und mich auch von Energie-zerrenden-Menschen getrennt. Gegenüber meiner Familie habe ich festgestellt, dass mir hin und wieder viel Abstand gut tut.

8. Zwischen vor einer Person wegrennen und eine Person lieben, gibt es unendlich viele Möglichkeiten.

Die Beziehung zu manchen Menschen gestaltet sich besonders schwer, wenn sie Teil der Familie sind und man sie schwer aus dem eigenen Leben ausschließen kann. So habe ich in diesem Jahr festgestellt, dass man sich auch wieder annähern und aber auch abstoßen kann. Das war und ich einfach ein ewiges Hin und her. Ich komme mit der Lösung am besten aus, es auf mich zu kommen zu lassen und es zu beobachten.

9. Nein-sagen ist sehr wichtig, denn jedes Nein kann auch ein Ja für sich selbst sein.

Nein zu zu viel Arbeit, Nein zu falschen Freunden, Nein zu Druck. Nein zu vielem. Ich gebe mir und der Muräne mehr Raum gemeinsam auszukommen, wenn ich mir nicht zu viel Arbeit aufhalse, nicht immer für alle den Seelentröster oder Psychologen gebe und erst Recht mich aus Familienproblemen raushalte und nicht Familientherapeut spiele. Jahrelang habe ich mich von allen Streitigkeiten zwischen die Stühle ziehen lassen, damit ist seit diesem Jahr Schluss. Meine Eltern sind schließlich erwachsen (sollte man meinen). Ich habe mir mit bestimmten Neins, ein eigenes Leben ermöglicht, dass ich nicht mehr her geben werde!

10. Das Leben kann man nicht planen. Man kann nur versuchen, eine Richtung einzuschlagen.

Anfang des Jahres konnte man wegen Corona nicht planen, ab Mitte des Jahres konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr planen. Auch jetzt gerade weiß ich nicht, ob meine Pläne für morgen aufgehen. Wie ich damit in Zukunft umgehe, kann ich auch noch nicht planen. Aber es fällt mir leichter als im letzten Jahr Termine abzusagen. Gesundheit geht vor!

11. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er/sie glücklich sein will.

Ich habe mal ein Buch gelesen, dass hieß „Die Seele muss frei sein“. Und die Quinessenz daraus war: „Man muss sich im Leben nur eine Frage stellen, ob man glücklich sein will“. Und es stimmt, ich entscheide jeden Tag neu, wie ich die Lebensumstände aufgreife. Ob ich mich weinend in die Ecke setze und sage: „Alles scheiße. Blöde Migräne. Mist, schon wieder krank“. Oder ob ich lächle und an meine innere Stärke appelliere: „Ich schaffe das!“. Meistens befinde ich mich im Kämpfermodus, das ist aber auch meine Art mit solchen Situationen umzugehen. Aber man kann nicht immer stark sein, man wird auch mal auf die Schnauze fallen, aber das wichtigste ist dann: wieder aufzustehen!

12. Auch, wenn meine Kindheit alles andere als gut verlaufen ist, habe ich in diesem Jahr gespürt, dass mein Vater mich sehr gern hat.

Ich habe meine Eltern wirklich fast gar nicht gesehen. Wir fahren auch Weihnachten nicht nach Hause. Ich kann mich nur an einen Besuch erinnern, vor dem Herbst. Ich wollte ein geliehenes Buch in den Schrank im Obergeschoss zurückstellen, als mein Vater unvermittelt aus einem Raum kam und mich unerwartet innig umarmte. Das war ein sehr schöner Moment.

Zusätzlich zu den Erkenntnissen aus 2020 habe ich mir eine Liste geschrieben, was ich 2020 alles geleistet habe:

  1. Ich habe mich sehr intensiv um meine Gesundheit gekümmert. Was ich damit meine könnt ihr hier nachlesen.
  2. Ich habe mich von Freunden getrennt, die mir nicht gutgetan haben.
  3. Ich habe mehrere Stammbäume grafisch angelegt und Drucken lassen. Wer mir auf Instagram folgt, hat dazu schon mal etwas gesehen.
  4. Ich habe Kontakt zu meinen Verwandten aufgenommen.
  5. Ich war oft sehr mutig.
  6. Ich habe mich getraut, „Nein“ zu meinem Studium zu sagen und etwas Neues zu beginnen.
  7. Ich habe mich entschieden in eine andere Stadt zu ziehen.
  8. Ich habe einen neuen Blog gegründet (eigentlich sogar zwei, aber einen wieder aufgegeben).
  9. Ich habe neue Brieffreunde gefunden.
  10. Ich habe gelernt, dankbar zu sein, für alles was ich habe oder auch nicht habe!

Was nimmst Du aus 2020 mit?

3 Kommentare zu „Meine Erkenntnisse aus 2020 – ein persönlicher Rückblick

  1. Meine liebe mit-Muräne-leidende,

    Diesen Blogeintrag von dir zu lesen war fast wie in einen Spiegel zu sehen! In soooo vielen Dingen, die dir 2020 widerfahren sind und auch die du geleistet hast, habe ich mich wiederkannt, als würde ich mein eigenes Tagebuch lesen. Es gibt mir so viel Mut, Motivation und Zuversicht, dass ich durch dich erfahren durfte, dass es da auch andere Migräniker gibt, die sich genau mit demselben Schei*, denselben Sorgen, dem selben Druck und Stress abplagen müssen wie ich.
    Ich habe auch erst 2020 meine echte Migränetherapie begonnen, begonnen mehr auf mich selbst zu achten, mein Leben mehr mit der Migräne gemeinsam umzugestalten, als gegen sie anzukämpfen oder sie tief hinein zu verdrängen. Auch ich habe 2020 für mich die Entscheidung gefällt, dass mein bisheriges Studium nicht mehr für mich funktioniert. Und ich habe auch schon so einige verschlimmernde externe Faktoren, wie energieaussaugende Freunde und Tätigkeiten oder für alle den Kummerkasten zu machen und sich der Sorgen und Probleme meiner Eltern anzunehmen, aus meinen Leben verbannt.
    Ich hadere noch immer sehr mit Akzeptanz in einigen Bereichen, aber es ist ein längerer Prozess.
    Sich selbst einzugestehen, dass man eingeschränkt ist, dass man nie und nimmer dieselbe Leistung erbringen kann, wie eine gesunde Person, die hässlichen Tatsachen und Zahlen der eigenen chronischen Krankheit bewusst zu machen, ist unfassbar schwierig und emotional sehr hässlich und mental absolut zum Teil überfordernd gewesen. Aber ich befinde mich auf einem guten Weg und habe in einem Jahr unglaublich viel geschafft. Vieles, das ich mir selbst nie zugetraut hätte. Und aus deinem Instagram-Profil und durch deinen Blog hier kann ich herauslesen, dass es dir wohl ganz ähnlich ergangen sein muss.
    Obwohl ich dich nicht persönlich kenne, habe ich das Gefühl einen großen Teil deines Innenlebens und deiner Gedankenwelt zu kennen, da wir uns mit derselben Krankheit und all ihren Auswirkungen herumschlagen und uns offenbar sehr ähnlich entschieden haben damit umzugehen und bzgl. der einzelnen Aspekte ähnliche Wege gesucht und gefunden haben.
    Wir können Stolz auf uns sein! Ich bin stolz auf dich, was du alles geschafft hast! Unter sehr schwierigen Bedingungen mit so unglaublich viel Schmerz und Einschränkungen!
    Ich hoffe für uns beide, dass sich unsere Leben durch all diese Vorgänge und Entscheidungen mehr auf uns selbst zu schauen und positiver und akzeptierender mit unserer Muräne umzugehen, sehr bald zum Besseren hin verändert! 🙂

    Gefällt mir

    1. Liebe Sylvie, vielen Dank für deinen Kommentar! Es freut mich zu lesen, dass ich Dir durch meine Blogeinträge Mut, Motivation und Zuversicht gebe. Das macht mich unglaublich stolz, denn dafür gibt es diesen Blog. Er mag zwar auch ein Spiegel von mir sein, aber er soll auch anderen gerade Mut machen! Vielen lieben Dank also für dein Feedback und ich wünsche Dir alles Gute für die Zukunft!
      Liebe Grüße,
      Anna

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: