„Irgendwie ist die Krankheit ja auch meine „Superpower“ – Interview mit Karin – Muräne-Stories No.49

Karin hat schon sehr lange Migräne und ist mittlerweile Expertin. Ihre Erfahrungen und Tipps gibt es hier!

Wer bist Du und was machst Du?

Ich bin Karin, in zweiter Ehe verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Seit 2 Jahren bin ich begeisterte (Stief-) Oma. Ich war viele Jahre international in der Systemischen Organisationsberatung und als Coach selbstständig und auch am Familienunternehmen beteiligt. Die Coronapandemie hat mir 2020 beruflich den Boden unter den Füßen weggezogen. Seit Juli 2020 bin ich aufgrund von Migräne und Burnout krankgeschrieben, mit September 2022 pensionsberechtigt.

Seit wann hast Du Migräne (und welche Form)? Wie äußert sich deine Migräne?

Vermutlich hatte ich schon als Kind Migräne. Jedenfalls bekam ich beim Autofahren oder Fahrradfahren auf Kopfsteinpflaster meist Kopfschmerzen. Nach der Geburt meiner Tochter stellten sich die Kopfschmerzen regelmäßig mit dem Östrogenabfall im Zyklus ein. Diagnostiziert bekam ich die Migräne jedoch erst Anfang 2009, mit 46 Jahren! Von da an behandelte ich den Akutschmerz mit Triptanen.

Seit dem Beginn einer beruflich und existenziell sehr herausfordernden Zeit vor etwa 3 Jahren häufte sich die Frequenz der Attacken und die Dauer verlängerte sich, sodass ich auch immer wieder die Höchstgrenze von 10 Einnahmetagen pro Monat erreichte oder knapp überschritt.

Wie geht es Dir heute und wie hat sich dein Umgang mit der Migräne verändert?

Das Erscheinungsbild von Migräne scheint sich bei mir immer wieder zu wandeln. Ich kenne Migräne mit und ohne Aura sowie gelegentlich auch die vestibuläre Migräne, welche von Schwindel begleitet ist und oft ohne Schmerzen daherkommt. Letztes Jahr wechselte ich zu einem Neurologen in Wien, der auch ausgewiesener Spezialist für Migräne ist. Wir probierten konventionelle Prophylaxen aus, die ich leider abbrechen musste, weil ich sie sehr schlecht vertrug. Die danach verordnete Antikörperbehandlung (Aimovig) vertrage ich gut, jedoch ist der Erfolg auch nicht so durchschlagend wie erhofft. Vielleicht ändern wir ja noch die Dosis oder den Wirkstoff…

Der Arzt bestätigte mir, dass ich mittlerweile Expertin im Umgang mit meiner Migräne bin. Irgendwie ist die Krankheit ja auch meine „Superpower“, denn mein perfektionistisches Gehirn ist nicht nur hypersensibel sondern auch hyperfokussiert. Kritisch wird es, wenn ich mir zu viel zumute, meine Ansprüche an mich selbst (und andere) immer noch so hoch schraube wie früher und einfach nicht rechtzeitig vom Gas gehe.  

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert und wie reagieren heute noch Menschen, denen Du davon erzählst?

Auch meine Familie, allem voran mein Mann, ist durch meine Krankheit belastet. Vor und während einer Attacke bin ich extrem sensibel, habe eine äußerst niedrige Toleranzschwelle für Lärm, Musik oder lautes Sprechen und bin leider auch rasch gereizt und aggressiv. Menschen, die Migräne nicht aus eigener Erfahrung kennen oder mit Migräniker*innen zusammenleben, können die Einschränkungen durch diese Krankheit meist kaum nachvollziehen. Nicht erst seit Corona übe ich eine (moderate) Form des sozialen Rückzugs, da Treffen mit mir kaum planbar sind. Das stimmt mich und meine Familie und Freunde natürlich nicht sehr froh.

Was machst Du freizeitlich und wie beeinflusst dich da deine Erkrankung (oder beeinflusst die dich da überhaupt?)?

Ich habe das Privileg in einer wunderschönen Gegend (nahe der Stadt, aber doch auf dem Land) zu wohnen. Sofern ich dazu in der Lage bin, gehe ich in der Natur spazieren, Rad fahren oder betreibe Nordic Walking. High Impact Sportarten kann ich nicht ausüben. Ich bin ein Mensch, der immer gestalten will, habe ein Faible für schönes Design und vor ein paar Jahren die Liebe zur abstrakten Malerei entdeckt. Diesem Hobby möchte ich mich künftig noch viel ausgiebiger widmen.

Was hilft dir im Umgang damit? Was hilft dir bei akuten Anfällen? Was hast du ausprobiert?

Sehr oft kündigt sich meine Migräne lange genug an. Wichtig ist für mich, regelmäßig und ausgewogen zu essen (Gastritis & Reizdarm mit Neigung zur Verstopfung!) sowie ausreichend zu schlafen. Immer und überall habe ich Pfefferminzöl dabei, wenn ich unterwegs bin meist auch Wasser und eine Banane oder ein paar Nüsse. Über Kälte- oder Wärmeanwendungen am Kopf entscheide ich je nach Befindlichkeit. Im Winter bin ich nicht mehr ohne Mütze unterwegs. Bei einem Reha-Aufenthalt letzten Sommer zeigte mir das Biofeedbacktraining, dass mich Kompositionen mit Klangschalen sehr entspannen und mir dies sogar hilft, meinen Gefäßtonus zu kontrollieren. In der Prodromalphase kann ich so mitunter das Auftreten von Schmerzen verhindern. Meine Migräne-App benütze ich sehr gewissenhaft.

Etwas, das Du anderen Betroffenen sagen möchtest?

Hausärzte kennen sich leider häufig nicht besonders gut mit Migräne aus, sie gehört in die Hände von Spezialisten. Viele Betroffene (wie auch ich) haben enorm viel Zeit und Geld in alternativmedizinische Behandlungsmethoden investiert – Osteopathie, Homöopathie, Akupunktur/TCM, Fasten, und so weiter. Jedoch ist deren Wirksamkeit kaum belegt.

Da meine Migräne stets von starken Nacken-/Schulterverspannungen begleitet ist, nutze ich seit einigen Wochen (täglich) ein Massagegerät mit Wärmefunktion für Nacken, Schultern und Rücken. Mein normales Kopfkissen habe ich durch ein ergonomisches Kissen ersetzt und wache nun mit 80-90 Prozent weniger Verspannungen auf. Beides zusammen bedeutete eine Investition von ca. 110 Euro und macht für mich einen Unterschied!

Nun gibt es auch wissenschaftliche Indizien, dass Migränepatient*innen einen erhöhten Energieverbrauch im Gehirn haben. Vor allem Vitamine des B-Komplexes, Magnesium, bioaktives Coenzym Q10 sowie die gute Versorgung mit Vitamin D3/K2 können einen positiven Effekt haben. Vor kurzem erzählte mir meine neue Hausärztin, dass sie selbst über Wochen unter starker, vestibülärer Migräne litt, welche sie mit hochdosiertem Magnesium (täglich, intravenös) erfolgreich behandelte. Nun bin ich besonders aufmerksam und möchte mich in dieser Thematik noch besser informieren. Das empfehle ich gerne auch allen Betroffenen.

Wenn ich die Berichte von Menschen lese, die noch viel schlimmer leiden müssen als ich, macht mich das betroffen und demütig. Ihr habt alle mein ehrliches Mitgefühl. Bitte gebt nicht auf, an Besserung zu glauben, denn „aufgeben tut man nur einen Brief“, sagte schon meine Oma.

Danke, liebe Anna für dieses Interview und dass du so wertvolle Bewusstseinsarbeit leistest!

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