„Heute kann ich sagen, dass ich die Krankheit akzeptiert habe .“ – Interview mit Anja – Muräne-Stories No.71

Triggerwarnung – Übelkeit

Wer bist Du und was machst Du?

Ich heiße Anja, bin 43 Jahre alt, verheiratet und habe eine 17-jährige Tochter. Ich arbeite als MFA in einer Allgemeinarztpraxis.

Seit wann hast Du Migräne (und welche Form)? Wie äußert sich deine Migräne?

Ich habe seit 30 Jahren Migräne. Die erste Attacke hatte ich mit 12 Jahren. Sie hat sich über die Jahre ständig verändert. Am Anfang waren die Anfälle von extremer Übelkeit begleitet. Nachdem ich erbrochen hatte, ging es mir meist besser. Trotzdem waren es da schon viele Schultage, die ich damit versäumt habe. Nach meinem Schulabschluss begann ich eine Ausbildung zur medizinischen Laborassistentin. In der Zeit hatte ich das erste Mal eine Aura. Das war ziemlich beängstigend für mich, da ich diese Seheinschränkungen überhaupt nicht einordnen konnte. Auch gab es noch sehr wenige Behandlungsmethoden als heutzutage. Was mir die Ausbildungszeit nicht leicht gemacht hat. Man war mit der Erkrankung ziemlich allein gelassen. Die nächsten Jahre war es ein ständiges Auf und Ab. Einzig in der Schwangerschaft war ich migränefrei. Ansonsten werde ich ständig von mehreren Attacken im Monat begleitet. Mal mit Aura, mal ohne. Das hält bis heute an.

Wie geht es Dir heute und wie hat sich dein Umgang mit der Migräne verändert?

Heute kann ich sagen, dass ich die Krankheit akzeptiert habe und versuche damit umzugehen. Natürlich ist es nicht immer einfach. Wenn man gerade mehrere Tage am Stück eine Attacke hatte, ist es natürlich schwieriger positive zu bleiben, als wenn man eine leichtere Attacke gerade überstanden hat. Aber ich muss sagen, mir fällt es jetzt mit über 40 leichter als früher. Da gab es viel mehr Traurigkeit, wenn ich z.B. dadurch etwas versäumt habe.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert und wie reagieren heute noch Menschen, denen Du davon erzählst?

Ich habe eine sehr verständnisvolle Familie um mich herum. Mein Mann ist sehr fürsorglich und rücksichtsvoll. Dadurch ist vieles für mich leichter. Aber auch auf meine Tochter und auf meine Eltern kann ich mich zu 100% verlassen. Es ist wichtig, so einen Rückhalt zu haben. Im Freundeskreis ist es dagegen recht unterschiedlich. Da gibt es einige, die nicht so viel Verständis aufbringen. In der Beziehung habe ich vor längerer Zeit beschloss, mich von denjenigen zu distanzieren. Und ich muss sagen, dass bekommt mir richtig gut. Man muss nicht aus Zwang eine Freundschaft aufrecht erhalten, wo gar keine richtige Freundschaft ist. Mit dieser Einstellung komm ich wirklich gut zurecht. Auf der anderen Seite habe ich auch liebe Freunde und Bekannte, auf die ich zählen kann.

Was machst Du freizeitlich und wie beeinflusst dich da deine Erkrankung (oder beeinflusst die dich da überhaupt?)?

In meiner Freizeit bin ich sehr gerne in der Natur unterwegs. Gehe gern spazieren und wandern. Dabei kann ich gut abschalten. Ich lese auch gerne, höre Musik und liebe es Serien zu schauen. Die Migräne beeinflusst natürlich meine Freizeit. Gerade, wenn man sich noch durch den Arbeitstag geschleppt hat und eigentlich noch etwas Schönes für sich machen könnte und man dann doch nur im dunklen Zimmer im Bett liegt.

Was hilft dir im Umgang damit? Was hilft dir bei akuten Anfällen? Was hast du ausprobiert?

Ich habe einiges an Prophylaxen ausprobiert: Betablocker, Amitriptylin, Topamax. Es hat alles nichts gebracht. Auch mit Triptanen habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Da spielt mein Kreislauf total verrückt und trotz Vomex ist mir davon total schlecht. Ich habe für mich entschieden, dass ich keine Medikamente mehr als Prophylaxe nehme. Im Akutfall nehm ich Novaminsulfon und CBD Öl und ich versuche mit Kühlkompresse und viel Schlaf durch die Attacke zu kommen. Das ist nicht immer einfach und ich glaube, dass das auch einige nicht verstehen werden. Aber ich bin der Überzeugung, dass ich mir durch die viele Chemie und die Nebenwirkungen der Medikamente keinen Gefallen tue. Dafür achte ich jetzt mehr auf mich. Ernährung, Stress und Reizüberflutung sind meine Hauptfaktoren die Anfälle auslösen und darauf gilt es zu achten.

Etwas, das Du anderen Betroffenen sagen möchtest?

Der Alltag mit Migräne ist wirklich nicht einfach. Gerade im Arbeitsleben ist es schwierig. Mich stört es auch sehr, dass immer nur Ratschläge für Büroberufe gegeben werden. Leider haben nicht alle so einen Job. Gerade in meinem Beruf muss ich immer 100% geben und habe Verantwortung für andere Menschen. Ich kann nicht einfach zwischendurch Entspannungsübungen machen oder zur Pause an die frische Luft. Das ärgert mich immer sehr, dass alles so verallgemeinert wird. Positiv ist aber trotzdem, dass die Aufklärung über Migräne jetzt so voranschreitet. Es sind eben nicht nur Kopfschmerzen, es steckt so viel mehr dahinter. Weiterhin muss man aber immer an sich selbst arbeiten. Zeichen von Überforderung und Überarbeitung sind ernstzunehmen. Leider ist das in unserer stressigen Zeit nicht immer einfach.

Etwas anderes, dass Du noch erzählen möchtest?

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