„Ich musste lernen mein Leben und meine Gewohnheiten an meine Krankheit anzupassen.“ – Interview mit Kristin – Muräne-Stories No.63

Wer bist Du und was machst Du (beruflich)?

Mein Name ist Kristin, ich bin 26 Jahre alt und arbeite im öffentlichen Dienst. Instagram:kristinwec

Seit wann hast Du Migräne (und welche Form)? Wie äußert sich deine Migräne?

Ich erinnere mich noch gut, dass ich bereits als Kind ab und zu starke Kopfschmerzen mit Übelkeit/ Erbrechen hatte. Damals war nach dem Erbrechen und einem Kinder-Schmerzsaft alles wieder gut.
Nach meinem Studium wurden die Attacken immer häufiger und es gesellten sich zum einseitigen heftigen Kopfschmerz höllische einseitige Nackenschmerzen. Es folgte eine 3-jährige Odyssee an verschiedenen Arztbesuchen (Hausarzt, Physiotherapeut, Osteopathie, Orthopäde, Augenarzt, Kieferchirurg …). Ich und die aufgesuchten Ärzte waren immer der Meinung, die Ursache für alle Schmerzen wäre der Nacken bzw. die Halswirbelsäule, meine Haltung oder vielleicht doch die Weisheitszähne?
2020 wurde dann endlich vom Neurologen episodische Migräne (ohne Aura) diagnostiziert. Von meiner Oma vererbt – also wie üblich, eine genetisch bedingte Reizverarbeitungsstörung im Gehirn.
Die einseitigen Kopfschmerzen lassen sich durch ein Triptan einigermaßen gut bekämpfen. Schlimmer als die Kopfschmerzen an sich, empfinde ich jedoch die Begleitsymptome (extreme einseitige Kiefer- und Nackenschmerzen).

Wie geht es Dir heute und wie hat sich dein Umgang mit der Migräne verändert?

Heute bin ich dankbar, endlich eine Diagnose, einen Ansprechpartner (Neurologe),  eine für mich gut funktionierenden Prophylaxe und gute Akutmedikamente zu haben. Früher habe ich oft (erfolglos) Unmengen von freiverkäuflichen Schmerzmitteln zu mir genommen, da mir Ursache und Zusammenhänge meiner Schmerzen unklar waren.
Ich habe inzwischen akzeptiert, dass die Krankheit nicht heilbar ist und ich damit leben muss. Ich musste lernen mein Leben und meine Gewohnheiten an meine Krankheit anzupassen.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert und wie reagieren heute noch Menschen, denen Du davon erzählst?

Mein Partner versucht mich wo es nur geht zu unterstützen und zeigt viel Verständnis. Meine Eltern tun sich oft noch schwer, die Migräne als unheilbare Krankheit zu akzeptieren, zeigen sich jedoch auch verständnisvoll und bieten mir Ihre Hilfe an.
Ich zögere leider noch oft, Menschen von meiner „unsichtbaren Krankheit“ zu erzählen und bin leider sehr gut darin, mir auch in schlechten Phasen nichts anmerken zu lassen. Wenn ich dann doch mal über meinen Schatten springe, merke ich, dass verständlicherweise noch viel Unwissenheit und Unsicherheit bei diesem Thema herrscht. Auf so manchen gut gemeinten Ratschlag könnte man verzichten.  Nehme es aber keinem übel, schließlich wüsste ich vermutlich auch nichts darüber, wenn ich nicht selbst betroffen wäre.

Was machst Du freizeitlich und wie beeinflusst dich da deine Erkrankung (oder beeinflusst die dich da überhaupt?)?

Meine damaligen Aktivitäten, Gardetanz im Verein zu festen Trainingszeiten und Kraftsport im Fitnessstudio, musste ich leider einstellen. Ich habe mit der Zeit gemerkt, dass mir das migränetechnisch einfach nicht gut tut. Und das ist auch ok so. Jetzt mache ich Yoga, fahre Zuhause Ergometer und gehe öfter mal spazieren. Ich bin damit unabhängig und kann je nach Tagesform (Schmerzlevel) ab und zu geben. 

Wie vielen Patienten fällt es mir schwer, im Voraus Verabredungen oder Urlaube zu planen. Aus Angst, Menschen absagen zu müssen oder das Geplante unter Schmerzen durchziehen zu müssen.

Was hilft dir im Umgang damit? Was hilft dir bei akuten Anfällen? Was hast du ausprobiert?

Mir helfen neben einer großen Portion Zuversicht und Akzeptanz – vorbeugende Entspannungsübungen, Yoga und die Einhaltung eines regelmäßigen Tagesrhythmus.

Im Akutfall: Triptan, warmes Körnerkissen, Pfefferminzöl, Kühl-Akku, Dunkelheit und Ruhe.

Etwas, das Du anderen Betroffenen sagen möchtest?

Gib nicht auf. Nach Regen kommt Sonnenschein!
Ich habe das Gefühl, dass wir Migränepatienten durch die ganzen schlechten Tage im Leben, die guten Tage bzw. die schmerzfreien Stunden und Momente viel mehr wertschätzen und genießen können, als andere. Es bringt mir Dankbarkeit, für das, was ich im Leben Schönes habe.

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