„Oft war ich schon im medikamentösen Übergebrauchskopfschmerz.“ – Interview mit Silke – Muräne-Stories No.70

Wer bist Du und was machst Du?

Ich heisse Silke, bin 41 Jahre alt, Single und leide an chronischer Migräne. Ich habe an 18 bis 25 Tagen/Monat Schmerzen.

Seit ein paar Jahren bekomme ich Teilerwerbsminderung, da ich meinen Beruf als Bankkauffrau nur noch in Teilzeit ausüben kann. In der Bank arbeite ich noch 20 Stunden die Woche, die ich mir, Dank meines tollen Arbeitgebers, frei einteilen kann. Ich arbeite also dann, wann es die Migräne zulässt. Mein Nebenstudium musste ich 2006 nach vier Semestern aufgeben. Der Migräne einen Namen zu geben fühlt sich für mich nicht richtig an. Ich empfinde das als befremdlich.

Seit wann hast Du Migräne (und welche Form)? Wie äußert sich deine Migräne?

Ich hatte vor ungefähr 17 Jahren meine erste Migräneattacke. Zu 95 % verlaufen sie ohne Auren. Ansonsten äußert sich die Migräne in ganz unterschiedlichen Weisen. Symptome sind, neben der Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schläfrigkeit, allgemeines Unwohlsein und Lärmempfindlichkeit. Mal „schleicht“ sie sich über Stunden/Tage langsam steigernd an, mal bin ich innerhalb von 30 Minuten in einer schweren Attacke.

Wie geht es Dir heute und wie hat sich dein Umgang mit der Migräne verändert?

Leider war bisher jede Art von Prophylaxe bei mir erfolglos, so dass sich auch die Schmerztage nie reduziert haben. Oft war ich schon im medikamentösen Übergebrauchskopfschmerz. Während bei anderen die Schwelle für die Schmerzmitteleinnahme bei ca. zehn Tagen/Monat liegt, liegt sie bei mir deutlich darunter. Ich war schon mit 8 Tagen Schmerzmitteleinnahme im Monat im MÜK. Das Abwägen, wann ich ein Triptan einsetze und wann nicht, kostete mich sehr viel Kraft. Wenn ich kein Triptan nehme, dauert eine Attacke bei mir meistens ca. 27 bis 30 Stunden. Manchmal auch länger.

Ansonsten versuche ich, auf meine „Besonderheiten“ einzugehen. Ich vermeide laute Geräuschkulissen, räume mir Pausen zwischen den Terminen ein und esse regelmäßig.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert und wie reagieren heute noch Menschen, denen Du davon erzählst?

Von mir abgewendet haben sich aus meinem Umfeld nicht sehr viele. Vielleicht zwei, drei Menschen. Am schmerzlichsten davon war sicherlich die Erfahrung mit meinem ehemaligen Partner, der mich verließ, da ich „zu krank“ sei und er das nicht „mittragen könne“ ohne selber zu erkranken.

Inzwischen wissen alle in meinem Umfeld, dass ich Verabredungen jederzeit kurzfristig absagen kann und stellen sich darauf ein. Niemand nimmt es mir übel. Und wenn doch, bekomme ich es nicht mit. Im Job bin ich immer offen mit der Migräne umgegangen und habe das als große Erleichterung empfunden. Wie meine flexiblen Arbeitszeiten zeigen: Es ist mir sogar zugutegekommen.

Was machst Du freizeitlich und wie beeinflusst dich da deine Erkrankung (oder beeinflusst die dich da überhaupt?)?

Ein klassisches Hobby habe ich nicht. Wenn ich alleine bin, lese ich gerne, puzzle oder streame Serien. Außerhalb der eigenen vier Wände treffe ich mich gerne mit Freundinnen/Freunden oder der Familie. Shoppen und durch die Stadt bummeln bereiten mir Freunde. Außerdem bin ich ein großer Fußballfan.

Was hilft dir im Umgang damit? Was hilft dir bei akuten Anfällen? Was hast du ausprobiert?

Was hilft dir bei akuten Anfällen? Was hast du ausprobiert? Am zuverlässigsten helfen mir Triptane. Die kann ich jedoch nicht so oft einsetzen, wie ich sie bräuchte. Alternativ lege ich mich ins Bett und höre in Dauerschleife Hörspiele/-bücher. Ohne die kognitive Ablenkung könnte ich mir meine Attacken nicht mehr vorstellen. Wie schon beschrieben, hat bisher keine prophylaktische Medikation oder einer meiner unzähligen Klinikaufenthalte zu einer Verbesserung geführt.

Etwas, das Du anderen Betroffenen sagen möchtest?

Eines hat mich meine Erkrankung gelehrt: Ich habe den Blick für vermeintliche Kleinigkeiten geschärft, sehe ein Paradies in Dingen/Erlebnissen, die andere vielleicht nicht wahrnehmen. Ein leckerer, frischer Kaffeeduft, ein Lächeln auf offener Straße von einer/m Fremden, lachen können, Blumen, Düfte … Und ich bin so unendlich dankbar für meinen Arbeitgeber und meine Kollegen. Ohne die flexible Einteilung meiner Arbeitszeiten würde ich nicht mehr am Arbeitsleben teilnehmen können. Diese Dankbarkeit erfüllt mich fast täglich mit Freude.

Außerdem habe ich nur dieses eine Leben. Es ist niemand anderes da, der es für mich lebt. Und das ist auch gut so. Ich versuche die Begebenheiten so gut es geht anzunehmen. Das gelingt nicht immer aber eben doch schon öfters als zu Beginn der Chronifizierung.

Etwas anderes, dass Du noch erzählen möchtest?

Die meisten haben die Wahl: Kinder ja/nein. Ich habe das Gefühl mich gegen Kinder entscheiden zu müssen, da ein Leben mit einem kleinen Menschen in Sachen Belastung unvorstellbar für mich ist.

Die meisten anderen haben die Wahl: Karriere ja/nein. Ich musste das Studium aufgeben und Teilzeit/Rente beantragen. Ich weiß, dass ich mehr leisten könnte, wenn ich gesund wäre, aber…Dass mir durch Teilzeit/Rente in Teilen auch die finanziellen Mittel im Vergleich zu meinem Umfeld fehlen, macht mich zusätzlich oft wütend.

Die meisten anderen entscheiden nach Budget oder Lust und Laune, wohin ihre Urlaubsreisen gehen. Ich muss genau An-/Abreise planen. Wochenlange Rundreisen kommen nicht infrage, da ich immer ein Bett für Migränetage in der Nähe haben muss. Extreme Hitze ertrage ich nicht mehr gut.

Die meisten anderen planen ihre Freizeit nicht nach Stress-/Lärmlevel etc., sondern danach, wonach ihnen der Sinn steht. Ich muss genau abwägen, was wann für mich infrage kommt.

Diese eingeschränkte Freiheit fällt mir mit am schwersten zu akzeptieren. Aber wie oben gesagt: Ich habe nur dieses eine Leben.

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