„Wenn das Triptan dann endlich wirkt, fühle ich mich als hätte mich ein Lastwagen überfahren.“ – Interview mit Sina – Muräne Stories No.77

Mein Name ist Sina ich bin 29 Jahre alt und zurzeit noch in Elternzeit. Bevor mein Sohn auf die Welt kam 2018, habe ich als Pflegeassistentin in verschiedenen Alten – und Pflegeheimen gearbeitet. Vollzeit in 3 Schichten. Ich habe meiner Migräne keinen Namen gegeben, für mich ist es eben die Migräne.

Migräne habe ich seit meinem 12. Lebensjahr. (da begann übrigens auch meine erste Periode, keine Ahnung ob es damit zusammenhängt) Also habe ich schon fast 20 Jahre Migräne. (Meine Mutter hat übrigens auch starke Migräne weshalb es recht einfach und schnell diagnostiziert werden konnte.

Migräne mit Aura habe ich seit ungefähr 5 Jahren, ja Sie hat sich mit der Zeit verändert.

Meine Migräne damals (in der Pubertät) war anders, die Attacken waren seltener (etwa 2-mal im Monat) aber dafür zumindest in meiner Erinnerung, schlimmer. Damals kamen sie plötzlicher und ich musste mich bei jedem Anfall übergeben. Zwischenzeitig waren es etwa 15 Anfälle im Monat. Mittlerweile habe ich sie gut im Griff. Da ich mich sehr gut „gebildet“ habe und gelernt habe meinen Körper zu Lesen und zu verstehen sind es in den Letzten 2 Jahren um die 6-8 Anfälle im Monat. Es fängt meistens so an, dass ich ein Kribbeln also eine Art Taubheitsgefühl habe in einem Arm oder in den Fingern. Ein starkes ziehen im Kopf oder Blitze im Sehfeld. Mir ist auch aufgefallen, dass ich die Nacht vor dem Anfall eine Panikattacke vor dem Einschlafen habe. Wenn der Anfall dann da ist (meistens schleicht er sich ein und das dauert um die 1-3 stunden) Nehme ich mein Triptan ein. Ich bin während einer Attacke extrem Licht, Geräusch und Geruchsempfindlich und muss mich dann ins Bett legen. Meistens lege ich mir eine Wärmflasche auf den Kopf. Ich weiß anderen hilft etwas Kühles, aber ich habe dann immer das Gefühl, dass sich meine Muskulatur noch mehr verkrampft.

Begleitsymptome die ich immerwährend einer Attacke habe: Magenschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Nackenschmerzen und die oben genannten Symptome.

Wenn das Triptan dann endlich wirkt, fühle ich mich, als hätte mich ein Lastwagen überfahren. Ich bin dann sehr schlapp und ein paar Stunden danach fordert mein Körper nach Essen. Häufig nach Cola, Pizza oder Nudeln.

Der Tag danach: den kann ich ganz gut beschreiben, es fühlt sich nämlich genauso an wie wenn man die ganze Nacht gefeiert hat und nachmittags aus dem Bett gekrochen kommt und den Körper gar nicht aus dem Bett lassen möchte. Als hätte man den heftigsten Kater seines Lebens. Schlapp, der Kopf dröhnt noch so leicht, mattes Gefühl, und eine leichte Übelkeit. Der Kreislauf ist total im Eimer und man versucht erstmal leichte Kost und Wasser trinken. An diesem (ich sage immer der Nachtag) Tag, gönne ich meinem Körper viel Ruhe und Dinge wie eine heiße Dusche und leckeres Essen, den ganzen Tag auf dem Sofa.

Heute geht es mir wunderbar, ich habe gelernt die Krankheit als ein Teil von mir an zu nehmen. Dank dem Buch „Ich hab´ Migräne und was ist deine Superkraft“ – von Bianca Leppert, ist meine Angst vor der nächsten Attacke so gut wie verschwunden. Ich gehe mit der Migräne so um, dass ich gelernt habe auf meinen Körper und meine Bedürfnisse zu hören und sie wahr zu nehmen. Meine Ernährung habe ich umgestellt und meinen Alltag. Ich achte sehr auf meinen Blutzucker das ist auch der Hauptgrund warum meine Attacken weniger geworden sind.

Meine Familie weiß, dass ich Migräne habe da meine Mutter es ja auch hat. Meine 3 Anderen Geschwister haben übrigens keine Migräne, toll… Familiär bekomme ich jederzeit Unterstützung da ich alleinerziehend bin und mein Sohn sich ja nicht selbst versorgen kann, wenn ich mal einen Anfall habe. Beruflich sieht das ganze leider ziemlich schlecht aus. Zumindest was meine Vergangenheit angeht: Es ist nicht selten vorgekommen, dass ich während einer Schicht einen Anfall bekam, oder sogar mit einem Anfall aber ohne Medikamente zur Arbeit gegangen bin da es in der Pflege nicht gerne gesehen ist, wenn man sich Krank meldet egal aus welchem Grund habe ich dies auch meistens nicht getan. Wenn ich bei der Arbeit meinen Kollegen erzählt habe, dass es mir nicht gut geht und ich Kopfschmerzen habe kam dann oft ein Spruch wie:

– dann musst du halt was Trinken

– Nimm ne Paracetamol

– (von nicht Migränikern) Ich kenne das, hab auch oft Migräne mir hilft dann immer ein Kaffee…

 und so weiter und so weiter…

Ich stoß also nur auf Unverständnis und es wurde als „einfach Kopfschmerzen“ abgetan. da man es einem ja nicht ansehen kann, kann man es also auch schlecht beweisen.

kurze Story aus meiner Schulzeit da hatte ich einen plötzlichen Migräneanfall während eines Tischgruppen abends bei einer Mitschülerin, auf dem Heimweg habe ich mich im Auto eines Schulkameraden übergeben ab da hat man mir geglaubt, dass es keine „einfachen Kopfschmerzen“ sind. Hätte mir mal auf der Arbeit passieren sollen.

Ich muss leider sagen, dass der Begriff Migräne in der heutigen Gesellschaft viel zu inflationär benutzt wird und die Krankheit Ihre Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit verliert. Denn gefühlt hat jeder 2 Mensch Migräne oder Frauen die es als Ausrede benutzen. Ich habe mit der Zeit jedoch gelernt zu kontern und dem gegenüber einem Korb zu geben denn Triptane sind eben nur bei Menschen bekannt die auch wirklich Migräne haben.

In meiner Freizeit mache ich nur Dinge die mir guttun und Spaß machen. Ich mache viel Musik, Male oder gehe ins Theater. Letzteres fällt natürlich flach, wenn man Karten hat und genau an dem Tag einen Anfall bekommt… Ich gehe Klettern und fahre Viel Fahrrad. Leider kann ich keine besonderen Sachen machen wie einen Freizeitpark besuchen oder auf ein Konzert gehen, Alkohol trinken… denn ich habe gelernt, wenn ich etwas mache was mich zu sehr aufregt bekomme ich nachdem mein Adrenalinspiegel sinkt sofort einen Anfall. Als wenn es zu viel Stress für den Körper war. Meine Migräne hat also höchstens einen Einfluss auf diese Sachen oder eben das ich nicht immer sofort für mein Kind da sein kann und er manchmal auch Rücksicht auf mich nehmen muss. Aber er macht das super, mit seinen 2/1 Jahren weiß er wo meine Medikamente sind und bringt sie mir dann, wenn es nötig ist.

Ich habe Immer, wenn ich unterwegs bin mein Notfall-Package dabei.

Der Inhalt ist ganz einfach alles was ich bei einem Anfall brauche und mir helfen könnte

-Triptane

-Euminz öl für die Stirn

-Lavendel öl zur Endspannung

-Vomex gegen die Übelkeit

-Schlafmaske

-Traubenzucker

-Müsliriegel

-Tigerbalsam für den Nacken

-Dolormin Migräne

Außerdem habe ich Zuhause bestimmte Orte in jedem Raum an denen ich mein Triptan-Spray platziert habe, sodass ich nicht lange suchen muss, wenn mal ein Anfall kommt. Zusätzlich habe ich in meinem Nachtschrank eine „Notfallration“ an allem was ich brauche, wenn mal ein Anfall in der Nacht oder direkt am Morgen auftaucht.

Auf lange Zeit habe ich Herausgefunden, dass ich bestimmte Lebensmittel nicht zu mir nehmen darf die Süßungsmittel oder Zuckerersatzstoffe oder Zuckeraustauschstoffe enthalten. (Cola light, oder allgemein light Produkte) Ich habe es mal Probeweise drauf angelegt und Tee mit Süßstoff getrunken. Resultat: 3 Tage immer Bett mit der schlimmsten Migräne meines Lebens.

Außerdem Esse ich wenig Fleisch und Käse, Koche immer frisch. Ich stehe jeden Morgen zur selben Zeit auf und jeden Abend bevor ich schlafe, gönne ich meinem Kopf eine Progressive Muskelendspannung und eine Traumreise. Meine Mahlzeiten nehme ich über den Tag verteilt ein und lasse meinen Körper somit nicht in ein „Energieloch“ einsinken. seitdem ich meinen Blutzucker also nicht zu sehr sinken lasse oder steigen lasse habe ich meine Migräne um mehr als die Hälfte reduzieren können, tatsächlich kann man lernen auf seinen Körper zu „hören“. Mit der Zeit lernt man zu erkennen was er braucht und man sollte nicht verzichten oder ihn auf Diät setzen, wenn ich Lust auf etwas salziges habe gebe ich das meinem Körper. Klingt einfach und schnell ist aber tatsächlich eine Sache die man lernen muss und das kann bei dem einen ganz schnell gehen und bei dem anderen dauert es Jahre. Ich glaube es hat generell etwas damit zu tun ob und wieviel wir uns selbst etwas Gutes tun und uns Pausen geben.  

Was ich einem anderen Migräniker/in raten würde: Versuch es als etwas Gutes zu sehen, du hast die Gabe einfach sensibler zu sein als der Großteil der Menschen. Viele Reize in unserem Alltag überfordern den Kopf eben, leg dir bewusst Pausen ein! und damit meine ich auch Handy weg, Fernseher aus… geh raus an die Luft oder leg dich einfach mal 30 min. am Tag hin und genieß die Stille. Sei gut zu dir und lerne das Nein sagen. Die Migräne darf nicht dein Leben bestimmen, sondern du Bestimmst die Migräne. Wenn du nicht weiterweißt, hol dir bewusst Hilfe, es gibt so viele Anlaufstellen, Angebote, Selbsthilfegruppen, Schmerzkliniken usw.

und was ich unbedingt rate: Bau dir ein Netzwerk aus dem was du brauchst oder wer dir helfen kann, wenn der Anfall so schlimm ist das es unerträglich ist.

Manchmal sind es kleine Sachen. Außerdem habe ich gelernt, wenn mein Arbeitgeber nicht mit meiner Krankheit zurechtkommt, komme ich auch mit ihm nicht zurecht.

Niemand sollte sich mit dieser Krankheit alleine quälen, es ist keine Schande sich Hilfe zu holen.

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