„Ich geh sehr offen damit um, weil ich möchte, dass nie wieder jemand wegen seinen Krankheiten dumm angemacht wird.“ – Interview mit Michelle – Muräne Stories No.98

Triggerwarnung psychische Erkrankungen

Wer bist Du und was machst Du?

Wie lange hast Du schon Migräne? Wann fing das an, gab es eine bestimmte Situation an die Du Dich erinnerst?

Ich habe meine Migräne das erste Mal im Alter von 13 Jahren gekriegt. Damals waren die Attacken oft nach sehr vollen und stressigen Tagen. Wenn ich zum Beispiel in der Stadt war.

Welche Migräneform(en) hast Du und wie äußert sie sich?

Ich habe wahrscheinlich verschiedene Komponenten. Ich habe chronische Migräne mit einem Anteil hormoneller Ursache. Ich habe keine Aura mit Sehstörungen, jedoch bin ich schon vor den Schmerzen extrem Licht, Geruch und Geräusch empfindlich.

Wie geht es Dir heute und wie hat sich Dein Umgang damit verändert?

Seit ich durch andere Erkrankungen (14 Stück am heutigen Tag) schwer krank würde, habe ich nie wieder weniger als 15 Migränetage im Monat gehabt. Letztes Jahr habe ich mich für 3 Monate in die Psychiatrie eingeliefert nachdem ich die Diagnose einer Autoimmunerkrankung und von der Reha Klinik das Urteil Arbeitsunfähigkeit und Pflicht zum Erwerbsminderungsrenten Antrag gekriegt habe. Für mich war diese Entscheidung die aller beste meines Lebens. Ich konnte in diesen drei Monaten vieles (traumatisches) aus meinem Leben (anfangen) aufzuarbeiten – aber was am wertvollsten war einen neuen tief liebenden Umgang mit meinem kranken Körper aufbauen. Ich habe mehrere Schmerzerkrankungen – früher habe ich meinen Körper dafür gehasst und bin panisch und hoffnungslos geworden, besonders bei der Migräne. Die psychologisch begründeten Skills und das medizinische Verständnis was mit meinem Körper los ist hilft mir heute fürsorglicher und liebevoller mit mir umzugehen während einer Migräneattacke.

Wie beeinträchtigt Dich die Migräne im Beruf und in der Freizeit?

Sehr, auch wenn ich nicht die anderen Erkrankungen hätte, wäre ich so für keinen Arbeitgeber mehr tragbar. Ich bin wirklich sehr froh einen verständnisvollen Freundes-, Bekannten- und Familienkreis zu haben. Die sich mit Migräne auskennen. Natürlich bin ich traurig, wenn ich wieder ein Treffen absagen muss, aber auch dankbar keinen Druck von aussen zu haben.

Was hilft Dir im Umgang mit der Migräne?

Immer wieder auf dem Laufenden halten, regelmäßige Gespräche mit der Neurologin und dem Schmerzarzt, Umfeld informieren. Aber immer wieder den Fokus auf die Schönheiten des Lebens lenken und mich nicht in der Migräne oder den anderen Krankheiten verlieren.

Wie hat Dein Umfeld auf Deine Migräne reagiert und wie reagieren heute noch Menschen, denen Du davon erzählst?

Alle verständnisvoll, ich habe zum Glück nur sehr wenige dumme Sprüche über die Migräne in meinem Leben hören müssen – leider ist das nicht mit allen anderen Erkrankungen auch so. Ich geh sehr offen damit um, weil ich möchte, dass nie wieder jemand wegen seinen Krankheiten dumm angemacht wird.

Was hilft Dir im Migräne Anfall?

Ruhig werden, versuchen zu entspannen, Kälte auf dem Kopf, Wärme am Rücken, Händen und Füssen, Tee oder Cola mit viel Zucker, Brühe oder wenn die Übelkeit es zulässt Pasta um nicht zu Unterzuckern, Pfefferminzöl oder Tigerbalsam, Novalgin, Muskelrelaxan oder die Triptane. Ruhe, ganz viel Ruhe, Dunkelheit, mein Lavendelöl, Tagträumen um Ängsten entgegen zu wirken. Als ich noch einen Partner hatte Nähe, Umarmungen oder eine leichte Massage.

Was hast Du schon ausprobiert und was möchtest Du noch ausprobieren?

Ich habe ziemlich viele Medikamente ausprobiert – jetzt planen wir die Botoxtherapie und die Antikörpertherapie. Dazu habe ich morgen ein Gespräch mit meinem Schmerzarzt. Die alternativen Methoden hatten mir teilweise am Schmerzlevel geholfen.

Was möchtest Du Migräne-Kämpfer:innen sagen?

Haltet durch. Gebt niemals auf. Du bist der Schöpfer meines Lebens, nicht die Migräne. Ich weiss nur allzu gut wie hoffnungslos, verzehrt, traurig und wütend das Leben mit Erkrankungen sich anfühlt, aber ich verspreche dir – auch wenn du heute nicht daran glaubst, du hast die Kraft in dir all das zu schaffen und zu überstehen. In dir steckt so viel mehr als du denkst. Folge immer deinem Herzen und deinem Bauchgefühl und lass dir nie was einreden. Ich glaube an dich – schön, dass es dich gibt.

Was möchtest Du Menschen ohne Migräne sagen?

Habt Verständnis, hört uns zu, schaut hin – auf die kleinen Dinge, die euch zeigen wie es unserem Körper geht. Nehmt uns auch mal was ab, aber fragt vorher, denkt selber daran was uns triggert und achtet darauf, zum Beispiel nicht zu starke Gerüche, Rauch oder Licht.

Hast Du ein Lebensmotto, einen Spruch, der Dir Kraft gibt?

Mut ist Angst plus ein Schritt.
Der hat mich aus den traumatischsten Erfahrungen rausgeführt.

Gibt es etwas, dass Du auch noch erzählen möchtest?

Suche dir eine Community oder eine Selbsthilfegruppe – Reden wirkt Wunder. Weinen auch. Mach dir selber Freuden, und liebe so das Leben. Du bist gut, so wie du bist.

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