„Es ist okay, sich Hilfe zu suchen.“ Interview mit Anja – Muräne Stories No.108

Wer bist Du und was machst Du?

Ich heiße Anja, bin 30 Jahre alt und arbeite aufgrund der Migräne leider gar nicht. Ich habe Biologie und Ernährungswissenschaften studiert und würde sehr gerne in diesem Bereich arbeiten. Instagram thedailymigraine

Wie lange hast Du schon Migräne? Wann fing das an, gab es eine bestimmte Situation an die Du Dich erinnerst?

Es fing schon als kleines Kind an, immer wenn ich besonders aufgeregt war. Ich habe mehrere Situationen noch genau vor Augen. Z.B wollten wir einmal zum Karnevalszug gehen. Da war ich vielleicht 4. Ich war als kleines Teufelchen verkleidet. Ich war total aufgeregt und hab mich riesig gefreut. Als wir dann bei meiner Großmutter ankamen, von wo aus wir laufen wollten, litt ich bereits wie ein Hund. Natürlich musste ich dann bei meiner Oma bleiben. Es gibt auch noch ein Foto von diesem armen, kleinen Teufelchen, mit verschmierter Schminke und gesenktem Kopf, weil es sich doch so gefreut hatte.

Welche Migräneform(en) hast Du und wie äußert sie sich?

Ich habe chronische, ansonsten klassische Migräne. Das bedeutet, dass ich keine Aura oder ähnliches habe. Dafür habe ich die Migräne annähernd täglich – es ist meist für mich unmöglich zu sagen, wo die eine Migräne anfängt und die andere aufhört. Dazwischen hab ich aber auch schmerzfreie Stunden – wo ich dann aber immer in der Predrome- oder Migränekaterphase bin. Meistens beides gleichzeitig.
Meine klassischen Symptome sind mittlere bis sehr starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Schwäche. Eine starke Reizempfindlichkeit habe ich permanent. Ich kann auch noch unzählige andere Symptome haben- das ist jedes mal ein wenig anders.

Wie geht es Dir heute und wie hat sich Dein Umgang damit verändert?

Mir geht es tatsächlich so gut wie nie. Ich habe gelernt, trotz der Migräne ein lebenswertes Leben zu leben, für kleine Dinge dankbar zu sein und das Positive zu sehen. Ich habe akzeptiert, dass ich nicht viel „schaffe“. Der Weg hierher war schwer und ich arbeite noch immer hart daran. Im Moment arbeite ich gezielt an meinem Selbstwertgefühl- das wird mir sicher sehr helfen.

Womit ich nicht gut zurecht komme: soziale Interaktionen sind für mich sehr schwierig bis unmöglich. Ich lebe in meiner eigenen Welt und liebe meine eigene Welt. Doch es fühlt sich auch so an, als wäre ich aus der Welt aller anderer einfach verschwunden.

Wie beeinträchtigt Dich die Migräne im Beruf und in der Freizeit?

Ich arbeite leider schon lange nicht mehr. Für mein Studium hab ich deutlich länger gebraucht, mein zweites musste ich abbrechen. Ich habe mir einen Alltag aufgebaut, der zu mir passt- ich mache Haushalt, gehe Joggen und mit unserem Hund spazieren. Ich liege viel im Dunklen. Freundschaften pflege ich fast nur noch virtuell. Mein Leben spielt sich quasi nur in unserer Wohnung und der naheliegenden Natur ab. Schön ist das zwar nicht, aber ich hab mich damit arrangiert und finde viele Aspekte davon schön.

Was ich hilft Dir im Umgang mit der Migräne?

Das Mindset. Es ist für mich die größte Hilfe, viel größer als alle Medikamente, Kühlkissen und usw zusammen. Ich arbeite konstant daran. Dadurch wird das Leben immer schöner, auch wenn die Migräne so bleibt wie sie ist.

Wie hat Dein Umfeld auf Deine Migräne reagiert und wie reagieren heute noch Menschen, denen Du davon erzählst?

Dass ich Migräne hab, ist lange bekannt. Als ich mich „geoutet“ habe, dass diese täglich ist, haben alle erstmal gebraucht, um es zu verstehen. Viele wollten es nicht wahrhaben, viele dachten wohl, ich übertreibe maßlos. Aber was soll ich erwarten; ich hab selbst viele Jahre verdrängt, wie schlimm es wirklich war. Und meine Kommunikation darüber war quasi nicht vorhanden. Viele scheinen es nach wie vor nicht zu verstehen- ich glaube, dass es manche nicht wollen. Die einen interessiert es nicht, für die anderen ist die Vorstellung zu schlimm.

Was hilft Dir im Migräne Anfall?

Da ich aufpassen muss, nicht zu viele Schmerzmittel zu nehmen, hilft mir meist:
Kopf kühlen, Reize abschirmen (besonders Geräusche), Magnesiumwasser trinken und hinlegen. Ich schaffe es inzwischen oft, den Migräne“peak“ einfach wegzuschlafen, was früher undenkbar war.

Was hast Du schon ausprobiert und was möchtest Du noch ausprobieren?

Ich hab alle Medikamente die man in der Migränebehandlung so bekommt ausprobiert und auch viel Alternatives.
Ich werde demnächst in die Schmerzklinik Kiel gehen. Es gibt immer noch etwas, was ich testen will. Als nächstes fände ich Biofeedback sehr interessant.

Was möchtest Du Migräne-Kämpfer:innen sagen?

Ihr seid nicht alleine! Tauscht euch aus, erzählt anderen, wie es euch geht. Erwartet von euch und von anderen nicht zu viel.

Was möchtest Du Menschen ohne Migräne sagen?

Ihr müsst nicht verstehen, wie es uns geht. Wie unser Leben so ist. Ich verstehe gesunde Menschen auch oft nicht. Das ist in Ordnung. Aber bitte glaubt uns, dass wir krank sind, auch wenn man es nicht sehen kann, oder dass uns bestimmte Sachen triggern, die euch nichts ausmachen. Ein Geräusch kann für mich schlimmer sein als ein Schlag ins Gesicht. Deshalb unterlasst bitte bestimmte Geräusche, wenn ich euch drum bitte, wenn ihr mich auch nicht ins Gesicht schlagen wollen würdet. (Diese Trigger sind bei jedem individuell.)

Hast Du ein Lebensmotto, einen Spruch, der Dir Kraft gibt?

Wer nicht weiterkämpft hat schon verloren.

Und

Hinfallen ist okay, solange man immer wieder aufsteht.

Gibt es etwas, dass Du auch noch erzählen möchtest?

Es ist okay, sich Hilfe zu suchen. Ich dachte viel zu lange, ich müsste das mit mir selbst ausmachen, bis ich an meinen Grenzen war.

Ein Kommentar zu “„Es ist okay, sich Hilfe zu suchen.“ Interview mit Anja – Muräne Stories No.108

  1. Liebe Anja,

    mir ist dein Interview sehr, sehr nahe gegangen, besonders deine Schilderung des traurigen Teufelchens (ich hatte als Kind ähnliche Erlebnisse) und dein Hinweis darauf, daß du in deiner eigenen Welt lebst, aber auch das Gefühl hast, aus der Welt der „Gesunden“ verschwunden zu sein. Auch daß dir soziale Kontakte fast nur noch virtuell möglich sind. Ich kann das sooo gut verstehen, finde es aber auch erstaunlich, wie präzise du die Folgen der Migräne beschreibst und wie positiv dein Umgang mit der Krankheit ist!

    Ich habe auch seit meiner Kindheit bis heute Migräne (ich bin Rentnerin), genau wie du chronisch ohne Aura mit etwa 10 Schmerztagen im Monat. Nach der zweiten Biontech-Impfung hatte ich jeden Tag drei Monate Dauermigräne – ich weiß, wie schwierig das sein kann!! Ich hoffe für Dich, daß Dir in der Schmerzklinik Kiel geholfen wird, bin aber sicher, daß dir der Aufenthalt gut tun wird. Für mich war der Aufenthalt dort extrem wichtig und wertvoll, besonders die Begegnung mit Prof. Göbel (ein toller Arzt und Mensch)! Die Ärzte dort stellen dich prophylaktisch medikamentös ein. Es kann sein, daß es nicht direkt hilft, aber gib die Hoffnung nicht auf. Ich musste auch viele Jahre ausprobieren, bis ich die richtige Mischung aus Prophylaxe und Schmerzmittel gefunden habe. Letztlich waren es die passende Antikörperspritze und das richtige Antidepressivum mit der passenden Dosierung.

    Ich wünsche Dir alles Gute.

    Liebe Grüße

    Anne Schiwek

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